Tattoostudios bieten Raum für Kunst und Musik
Sogar in simplen Kundengesprächen arbeitet Jon John mit vollem Körpereinsatz. Nachdem eine Frau ihren Tattoo-Wunsch geschildert hat, zeigt er ihr die Mappen von passenden Künstlern für die Umsetzung. Als ein Ordner nicht auffindbar ist, präsentiert er zur Veranschaulichung sein eigenes Bein, das der entsprechende Tätowierer gestaltet hat. Der Körper als Teil der Kunst und die Kunst als Teil des Körpers, so lässt sich seine Arbeit vielleicht beschreiben. Jon John führt zusammen mit Valentin Plessy seit November 2009 das AKA in Neukölln. „Wir sind kein Tattoostudio, wir sind ein Kunstraum“ erklärt er. Schon optisch hebt sich der Laden vom dunklen, engen Tattoostudio-Klischeebild ab. Weiße Wände, wenig Möbel. Ein Raum für Ausstellungen, einer zum Tätowieren und ein größerer für Musik- oder Kunstperformances. „Alle Kunstformen sind bei uns gleichberechtigt repräsentiert, das unterscheidet uns von normalen Tattoostudios“, so der gebürtige Baskenländer, der seit drei Jahren in Berlin lebt. Er selbst macht vor allem Performance-Kunst mit Elementen aus Tanz und Theater. Dabei ist der Körper sein Ausdrucksmittel: „Andere benutzen Pinsel und Leinwand – ich meinen Körper“, erklärt er. Sein Partner Valentin Plessy macht unter dem Künstlernamen Aminus Musik. Zum festen Team gehören außerdem die Tätowiererinnen Sarah B. Bolen und Jessica Mach. Internationale Gast-Künstler aus allen Bereichen rekrutiert Jon John vor allem aus seinem umfangreichen privaten Netzwerk. Für die nächste Ausstellung etwa ist der Kolumbianer Kael T Block verantwortlich. Sein Fotoprojekt unter dem Titel XX-Boys zeigt eine Bewegung junger Transgender-Menschen, die ihr Geschlecht unter anderem durch Tattoos und Bodymodification anpassen.
Auch die Kunden des AKA wissen, dass sie es nicht mit einem gewöhnlichen Tattoostudio zu tun haben. „Alle, die bei uns arbeiten, sind zunächst Künstler und dann erst Tätowierer, daher haben sie einen anderen Arbeitsansatz, etwa einen speziellen Sinn für Design und Perspektive“,erklärt Jon John, „die meisten Kunden wissen auch direkt, zu wem sie möchten, denn unsere Gast-Tätowierer sind oft sehr berühmt in der Szene“. Anfragen für Tribals oder japanische Zeichen kommen in der Regel gar nicht erst: „Die Leute scheinen zu wissen, dass sie damit bei uns nicht richtig sind. Das ist einfach nicht unser Stil – ohne überheblich sein zu wollen. Dafür könnte ich andere Studios empfehlen, die das gerne umsetzen würden.“Seit Tattoos quer durch alle Bevölkerungsgruppen weit verbreitet sind, hat sich auch die Szene und mit ihr die Studios ausdifferenziert. Berit Uhlhorn vom Tatau Obscur erklärt: „Es gibt den Mainstream und es gibt künstlerisch ambitionierte Tätowierungen“. Während auf der einen Seite immer noch Tribals und japanische Schriftzeichen gewünscht werden, entwickeln sich auf der anderen neue Trends wie Realismus, gestempelte Schriftzüge oder Illustrationsgraphik im „Kritzelstil“.Seit 1994 tätowiert sie im eigenen Studio, 2004 bezog sie den aktuellen Laden in der Potsdamer Straße, der sowohl Tattoostudio als auch Kunstgalerie ist. Auch hier herrscht Kontrastprogramm zum üblichen Tattoostudio-Design: Ein hoher Raum mit Empore, hellen Farben und viel Licht. „Ich wollte vor allem einen Gegensatz zu meinem vorherigen Laden in der Solmsstraße“, lacht die Inhaberin, „der war im Souterrain, man sah immer nur die Füße der Leute und irgendwann half auch die tollste Deko nichts mehr in den nur 2,60 Meter hohen Räumen“. Der neu gewonnene Platz wurde zwischenzeitlich nicht nur für Körper- und andere Kunst genutzt, sondern beherbergte auch ein Café. „Doch die Mischung von Tattoopublikum und Gastropublikum hat einfach nicht so geklappt“, und als reine Mittagstisch-Wirtin sieht sich Berit Uhlhorn auch nicht. Bleiben durfte der Tresen und die Sitzecke trotzdem – für Veranstaltungen wie den Puppenball im Februar. Eine Ausstellung zum Thema Puppen wurde mit einer großen Verkleidungsparty gefeiert. Einer der Gäste okkupiert heute noch die Sitzbank im Laden: Eine lebensgroße, handgefilzte, nackte Männerfigur. „Er war bei der Party sehr beliebt auf der Tanzfläche – deshalb sieht er jetzt etwas mitgenommen aus“ lacht die Tätowiererin. Ebenso wie sie selbst haben alle ihre Mitarbeiterinnen einen Kunst-Background. Daraus resultiert ein gewissen Anspruch an die Arbeit. „Wir vermeiden ästhetische Stanzen. Früher wurde eine bestimmte Art von Rose ständig gewünscht, heute wollen viele Jungs ein Tribal auf dem Hals wie Bushido. Sowas machen wir nicht und das sage ich den Leuten auch direkt.“Während AKA und Tatau Obscur sich der Verbindung von Tätowierungen mit diversen Kunstformen widmen, orientiert sich das Studio No Pain No Brain vor allem an der Musik. Es ist eingebettet in den kleinen Rock’n'Roll Kosmos des White Trash in Mitte mit Bar, Restaurant, Club und natürlich Livebands. Dass ein Tattoo-Studio ebenfalls gut dazupassen würde, war die Idee des Inhabers Wally Potts. Früher war der Laden zusammen mit den Büros des White Trash einige Häuser entfernt untergebracht, mittlerweile ist er in eine Kellerbar direkt im White Trash eingezogen. Rockmusik und Tätowierungen sind eine nahezu klassische Kombination. Und auch im No Brain No Pain lassen sich oft Musiker der dort auftretenden Bands gleich ein neues Hautbild verpassen. „Generell haben wir mehr Laufkundschaft als andere Studios, und oft Spontantattoos“, erzählt Tätowierer Marc Gressl, „Das möchten wir uns auch gerne bewahren, weil wir selbst monate- oder jahrelange Wartezeiten manchmal nervig finden“. Die Integration des Studios in den Gastro-Betrieb scheint vielen Besuchern die Schwellenangst zu nehmen. Gäste der Bar kommen bei abendlichen Tattoo-Sessions auch gerne mal zum Zuschauen runter – wenn der Tätowierte es erlaubt. So wird das tätowiert-werden zum sozialen Ereignis. Und man geht mit einem eigenen Kunstwerk auf der Haut nach Hause.
BERLINER ZEITUNG
PINSEL UND NADEL
Tattoostudios bieten Raum für Kunst und Musik
Sogar in simplen Kundengesprächen arbeitet Jon John mit vollem Körpereinsatz. Nachdem eine Frau ihren Tattoo-Wunsch geschildert hat, zeigt er ihr die Mappen von passenden Künstlern für die Umsetzung. Als ein Ordner nicht auffindbar ist, präsentiert er zur Veranschaulichung sein eigenes Bein, das der entsprechende Tätowierer gestaltet hat. Der Körper als Teil der Kunst und die Kunst als Teil des Körpers, so lässt sich seine Arbeit vielleicht beschreiben. Jon John führt zusammen mit Valentin Plessy seit November 2009 das AKA in Neukölln. „Wir sind kein Tattoostudio, wir sind ein Kunstraum“ erklärt er. Schon optisch hebt sich der Laden vom dunklen, engen Tattoostudio-Klischeebild ab. Weiße Wände, wenig Möbel. Ein Raum für Ausstellungen, einer zum Tätowieren und ein größerer für Musik- oder Kunstperformances. „Alle Kunstformen sind bei uns gleichberechtigt repräsentiert, das unterscheidet uns von normalen Tattoostudios“, so der gebürtige Baskenländer, der seit drei Jahren in Berlin lebt. Er selbst macht vor allem Performance-Kunst mit Elementen aus Tanz und Theater. Dabei ist der Körper sein Ausdrucksmittel: „Andere benutzen Pinsel und Leinwand – ich meinen Körper“, erklärt er. Sein Partner Valentin Plessy macht unter dem Künstlernamen Aminus Musik. Zum festen Team gehören außerdem die Tätowiererinnen Sarah B. Bolen und Jessica Mach. Internationale Gast-Künstler aus allen Bereichen rekrutiert Jon John vor allem aus seinem umfangreichen privaten Netzwerk. Für die nächste Ausstellung etwa ist der Kolumbianer Kael T Block verantwortlich. Sein Fotoprojekt unter dem Titel XX-Boys zeigt eine Bewegung junger Transgender-Menschen, die ihr Geschlecht unter anderem durch Tattoos und Bodymodification anpassen.
Auch die Kunden des AKA wissen, dass sie es nicht mit einem gewöhnlichen Tattoostudio zu tun haben. „Alle, die bei uns arbeiten, sind zunächst Künstler und dann erst Tätowierer, daher haben sie einen anderen Arbeitsansatz, etwa einen speziellen Sinn für Design und Perspektive“,erklärt Jon John, „die meisten Kunden wissen auch direkt, zu wem sie möchten, denn unsere Gast-Tätowierer sind oft sehr berühmt in der Szene“. Anfragen für Tribals oder japanische Zeichen kommen in der Regel gar nicht erst: „Die Leute scheinen zu wissen, dass sie damit bei uns nicht richtig sind. Das ist einfach nicht unser Stil – ohne überheblich sein zu wollen. Dafür könnte ich andere Studios empfehlen, die das gerne umsetzen würden.“Seit Tattoos quer durch alle Bevölkerungsgruppen weit verbreitet sind, hat sich auch die Szene und mit ihr die Studios ausdifferenziert. Berit Uhlhorn vom Tatau Obscur erklärt: „Es gibt den Mainstream und es gibt künstlerisch ambitionierte Tätowierungen“. Während auf der einen Seite immer noch Tribals und japanische Schriftzeichen gewünscht werden, entwickeln sich auf der anderen neue Trends wie Realismus, gestempelte Schriftzüge oder Illustrationsgraphik im „Kritzelstil“.Seit 1994 tätowiert sie im eigenen Studio, 2004 bezog sie den aktuellen Laden in der Potsdamer Straße, der sowohl Tattoostudio als auch Kunstgalerie ist. Auch hier herrscht Kontrastprogramm zum üblichen Tattoostudio-Design: Ein hoher Raum mit Empore, hellen Farben und viel Licht. „Ich wollte vor allem einen Gegensatz zu meinem vorherigen Laden in der Solmsstraße“, lacht die Inhaberin, „der war im Souterrain, man sah immer nur die Füße der Leute und irgendwann half auch die tollste Deko nichts mehr in den nur 2,60 Meter hohen Räumen“. Der neu gewonnene Platz wurde zwischenzeitlich nicht nur für Körper- und andere Kunst genutzt, sondern beherbergte auch ein Café. „Doch die Mischung von Tattoopublikum und Gastropublikum hat einfach nicht so geklappt“, und als reine Mittagstisch-Wirtin sieht sich Berit Uhlhorn auch nicht. Bleiben durfte der Tresen und die Sitzecke trotzdem – für Veranstaltungen wie den Puppenball im Februar. Eine Ausstellung zum Thema Puppen wurde mit einer großen Verkleidungsparty gefeiert. Einer der Gäste okkupiert heute noch die Sitzbank im Laden: Eine lebensgroße, handgefilzte, nackte Männerfigur. „Er war bei der Party sehr beliebt auf der Tanzfläche – deshalb sieht er jetzt etwas mitgenommen aus“ lacht die Tätowiererin. Ebenso wie sie selbst haben alle ihre Mitarbeiterinnen einen Kunst-Background. Daraus resultiert ein gewissen Anspruch an die Arbeit. „Wir vermeiden ästhetische Stanzen. Früher wurde eine bestimmte Art von Rose ständig gewünscht, heute wollen viele Jungs ein Tribal auf dem Hals wie Bushido. Sowas machen wir nicht und das sage ich den Leuten auch direkt.“Während AKA und Tatau Obscur sich der Verbindung von Tätowierungen mit diversen Kunstformen widmen, orientiert sich das Studio No Pain No Brain vor allem an der Musik. Es ist eingebettet in den kleinen Rock’n'Roll Kosmos des White Trash in Mitte mit Bar, Restaurant, Club und natürlich Livebands. Dass ein Tattoo-Studio ebenfalls gut dazupassen würde, war die Idee des Inhabers Wally Potts. Früher war der Laden zusammen mit den Büros des White Trash einige Häuser entfernt untergebracht, mittlerweile ist er in eine Kellerbar direkt im White Trash eingezogen. Rockmusik und Tätowierungen sind eine nahezu klassische Kombination. Und auch im No Brain No Pain lassen sich oft Musiker der dort auftretenden Bands gleich ein neues Hautbild verpassen. „Generell haben wir mehr Laufkundschaft als andere Studios, und oft Spontantattoos“, erzählt Tätowierer Marc Gressl, „Das möchten wir uns auch gerne bewahren, weil wir selbst monate- oder jahrelange Wartezeiten manchmal nervig finden“. Die Integration des Studios in den Gastro-Betrieb scheint vielen Besuchern die Schwellenangst zu nehmen. Gäste der Bar kommen bei abendlichen Tattoo-Sessions auch gerne mal zum Zuschauen runter – wenn der Tätowierte es erlaubt. So wird das tätowiert-werden zum sozialen Ereignis. Und man geht mit einem eigenen Kunstwerk auf der Haut nach Hause.
BERLINER ZEITUNG
Tweet